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Meine Grundsätze

Ich bin ein politischer Mensch. Ich bin ein emotionaler Mensch. Man sagt von mir, ich sei auch ein rationaler Mensch - ich persönlich weiß nicht so recht, mir scheint emotional und rational immer noch ein Antagonismus zu sein, und ich bin definitiv emotional. Nein, nein, ich halte mich nicht für dumm, aber nicht für rational in den Grundsätzen meines Tuns. Das soll wiederum nicht heißen, dass meine Weltanschauung keine Logik hätte - es ist halt nur eine systemimmanente Logik mit "nicht-rationalen bzw. vorrationalen Prämissen", wie es so  schön heißt. Solche Prämissen unterstelle ich im Übrigen jeder Weltanschauung , ob es nun eine ausgefertigte ideologische ist oder eine flickgeschusterte individuelle wie meine.

 Ich bin kein spiritueller Mensch - nie gewesen. Dennoch war natürlich auch ich zeitweise auf Sinnsuche, da stolpert man schon über Religionen. Als Katholik geboren, hat mich diese Religion nie angesprochen. Meine "gläubige Phase" als Lutheraner dauerte in der Pubertät nur kurz - durch sie habe ich aber begriffen, wie viel sich ein Mensch selbst einreden kann, wenn er etwas wahrhaben will.  Wirklich beantworten konnte das Christentum meine Fragen an das Leben aber nicht. Da wandte ich mich ab im Grauen und wurde Atheist. Intensiv genug betrieben ist auch Atheismus ein dogmatischer Glaube, auch wenn meist sehr individuell und ohne kollektive Riten oder einen heiligen Text - das ist es, was ich in dieser Zeit gelernt habe. 

Da ich keiner Ideologie oder Religion explizit anhänge, habe ich kein verbalisiertes Gerüst für meine Anschauung. Ich kann bei Zweifeln auf keine Autoritäten zurückgreifen. Mit einem Wort, ich bin ein wenig dem Relativismus befallen, der Geißel der Zeit, gepriesen sei Benedikt XVI. Nein, ehrlich, ein totaler Wert-Relativismus ist nun wirklich keine erbauliche Vorstellung. Doch auf welcher Grundlage kann ein Relativist objektive Moralität, Vorstellungen von Gerechtigkeit fußen lassen, Wertehierarchien definieren? Das bringt mich letztlich dazu, eine Art Kanon meiner Grundsätze zusammenzustellen, zumindest von einigen Herzstücken - die Wernazuma-Bibel sozusagen, die einzig wahrhaftige Lehre, die schon seit Anbeginn der Zeiten existiert hat und die die Menschheit ob ihrer Verderbtheit nicht sehen wollte. Gar nicht so leicht, mit dieser Bürde zu leben, das kann ich euch sagen! Alle, die nicht an meine Bibel glauben: Ab in den Musikantenstadl für alle Ewigkeit! Nein, ich will euch nicht bekehren. 

Aber vielleicht lernt der, der dies liest mich noch ein Stück weit besser kennen. Ich jedenfalls lerne mich selbst sicher besser kennen, denn man stellt sich diese Fragen ja nicht zwischen Werbeblöcken beim Nasenbohren. Oder vielleicht schon, aber die Antworten dabei sind nicht gerade hieb- und stichfest. Natürlich ist ein so grundsätzliches Oeuvre nichts, das man über Nacht erstellt - es werden also hoffentlich im Laufe der Zeit neue Kategorien hinzugefügt und vieles ergänzt. Wenn ihr mich auf logische Unzulänglichkeiten, schlechte Argumente, unklare Formulierungen etc. hinweisen wollt, oder ihr einfach mit mir nicht übereinstimmt und das kundtun wollt, schreibt eure Anregungen ins Gästebuch oder mailt mir.

Möge die Erleuchtung mit euch sein!
Euer

 

 

Die Wernazuma- Bibel

 
  1. Die ewigen Wahrheiten 

2. Was ist Gut und Böse? 

3. Warum ist die Welt so ungerecht? 

 
     

1. Die ewigen Wahrheiten

 
  Zunächst einmal entbehren sie eines logischen Grundes, warum man ihnen anhängen sollte. Jede Religion besitzt auf irgendeine Weise Beispiele der Manifestation "göttlicher Wirkkraft", die ihre Wahrhaftigkeit mehr oder weniger beweisen sollen. Marienerscheinungen, hinduistische Wunder, "Plätze der Kraft", göttliche Willensäußerungen; für den Islam beweist sich Gott angeblich schon durch die schiere Existenz der perfekten Koranverse - Gähn. Spart bitte mit Gottesbeweisen, spätestens seit Anselm von Canterbury sollte die Peinlichkeit dieses Unterfangens offenbar geworden sein. Ein Gottesbeweis macht darüber hinaus jeden der ihn nicht akzeptiert zu einem bewusst bösartigen Menschen, der nicht nur die Wahrheit nicht kennt, sondern das offenkundig Wahrnehmbare ja leugnet. Es ist schon erstaunlich, wie viele völlig unterschiedliche Ansätze jeder für sich bewiesen ist. Wenn es einen Gott bzw. mehrere davon geben sollte, dann will/wollen er/sie/es offensichtlich nicht von uns bewiesen werden... 
  Umgekehrt gilt das natürlich auch - die Nicht-Existenz eines obersten Wesens/Prinzips/Urgrundes/Whatsoever zu beweisen ist ebenfalls logisch unmöglich! Es macht zwar  allemal mehr Sinn, mangels besserer Erkenntnismöglichkeiten die "Nullhypothese" anzunehmen, also keinen Gott, das ist aber weit entfernt von einem Beweis. 
  Will man jedenfalls ein oberstes Wesen akzeptieren, dann sollte man mit Aussagen darüber sparen. Lässt sich doch schon die schiere Existenz nicht beweisen, wie will man dann auch noch spezifische Aussagen über Gott machen? Dann sollte man es mit negativen Gottesaussagen bewenden lassen: "Gott ist nicht begrenzt." "Gott ist nicht sterblich." etc. Das setzt sich natürlich in alle Bereiche der Religion fort: Wie soll man Aussagen über das Leben nach dem Tod machen, wenn man einfach nicht beweisen kann, dass es gar eines gibt, etc. 
  Religionen bei genauerer Betrachtung immer integraler Bestandteil soziokultureller Gefüge und haben eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft. Das allein sagt natürlich noch nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Für eine absolute, allumfassende und zeitlose Wahrheit ist es aber sehr traurig, wenn sie nicht absolut, allumfassend und zeitlos in allen Gesellschaften gleich wahrgenommen werden könnte. Damit scheiden alle Religionen aus, die behaupten, die Wahrheit könne nur durch bestimmte heilige Texte, die unter speziellen historischen Umständen entwickelt wurden (vielleicht sogar noch in einer bestimmten Sprache!) oder spezifische Riten erschlossen werden. Heilsmonopole darf es demnach in meiner Anschauung nach nicht geben. 

  Was bleibt als Fazit?: Die absolute Wahrheit, wenn wir eine annehmen wollten, ist uns unzugänglich. Und kein heiliger Text, kein Ritual kann uns Gewissheit geben. Aber auch die grundsätzliche Ablehnung aller religiösen Ideen kann keine Gewissheit beanspruchen. Da wir keine Aussagen machen können, kann der Mensch nur versuchen, "gut" zu leben.

1. Was ist Gut und Böse?

Das bringt uns zum zweiten Punkt: Was heißt es nun, "gut zu leben"? Wer definiert gut? also sein Gewissen erforschen und diesem zu folgen, es ist nun einmal die einzige direkte Referenz für Gut-Böse, die wir besitzen. Das heißt nicht, man könne sich keine moralischen Vorbilder nehmen - es wäre schlecht, sich nur ganz auf sich allein zu berufen und die Meinung anderer links liegen zu lassen! Man muss sich nur hüten, darin eine absolute Wahrheit zu sehen (auch in den 10 Geboten, in der Bergpredigt oder sonst wo). Man sollte es sich anhören, über das eigene Gewissen bewerten, und alles, was damit kollidiert, verwerfen. Das Dogma, das Gesetz darf nie das eigene Gewissen überlagern, sonst ist man sich selbst untreu! Das scheint mir überhaupt eines der Hauptprobleme der Religion und religiöser Menschen zu sein, einige Aspekte lehnt man eigentlich vom Gewissen her innerlich ab, manches bleibt widersprüchlich, aber man ignoriert es, weil man einem System von Traditionen und Vorgaben mehr Glauben schenkt als sich selbst. Mehr noch, oft führen diese inneren Widersprüche meiner Meinung nach unterbewusst zu einem größeren Glaubenseifer, einer besonders artikulierten Frömmigkeit, die einem hilft, die eigene Unbehaglichkeit zu überdecken. Wer weiß, vielleicht sind abstruse Sekten gerade daher oft von einem so großen Bekehrungseifer beseelt.



 

 

 

 

 

 

 © Werner Stangl 2005