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Die jüngere Agrippina  

 

I. Zum Geleit

Agrippina die Jüngere, „die als Tochter eines Imperators, als Schwester, Gattin und Mutter von Kaisern bis auf den heutigen Tag einzig dasteht“ (Tac. Ann. XII 42) gilt in der römischen Geschichtsschreibung als skrupelloses herrschsüchtiges Weib. Das ödipal anmutende Verhältnis Neros zu seiner Mutter[1] illustriert außerdem ihr dominantes Wesen.
Dennoch muß man sich vergegenwärtigen, daß trotz der sicherlich vorgefallenen Verbrechen und ihrer starken Herrschsucht das so extrem dunkle Bild der Agrippina bei Sueton und vor allem Tacitus sehr von der Tatsache bestimmt ist, daß es sich bei Agrippina um eine Frau handelte. Tacitus beschreibt die Herrschaft Agrippinas als „quasi virile“ (Tac. Ann. XII, 7), also im Gegensatz zu Livia nicht Einflußnahme aus dem Hintergrund, sondern ein offenes Auftreten als Regentin. Tacitus‘ Einstellung zu herrschenden Frauen zeigt sich besonders klar in seinem Bericht über die Sitonen (Germania 45): „Bei ihnen regiert eine Frau; so sehr haben sie die Freiheit eingebüßt. Ja, sie stehen dadurch, daß sie einer Frau untertan sind, noch tiefer als ein Sklave."
Wenn Agrippina irgendwo in die Politik Einfluß nahm, so geschah dies durchwegs „illegitim“ durch „Verführungskünste“, „Umstrickungen“ oder „Ränke“[2].
Es steht jedenfalls außer Frage, daß Agrippinas Taten und ihre Herrschaft in der antiken Literatur viel positiver bewertet worden wären, hätte es sich nicht um eine Frauenherrschaft gehandelt.

 

II. Das Leben Agrippinas

II.I. Jugend einer Kaiserin

Iulia Agrippina war die älteste Tochter des Germanicus und der Vipsania Agrippina. Sie wurde am 6. November 15 n.Chr.[3] im  „oppidum Ubiorum“ (später: Colonia Agrippinensis“, heute: Köln) geboren. Sie war die jüngere Schwester von Gaius (Caligula). Ihr Vater Germanicus starb als sie 4 war, ihre Mutter mußte 28 n.Chr. ins Exil.
Als Mitglied des iulischen Hauses wurde Agrippina bereits 28 n.Chr., also mit 12 Jahren, aus dynastischen Gründen auf Veranlassung Kaiser Tiberius‘ mit ihrem Cousin Cn. Domitius Ahenobarbus verheiratet[4]. Ferrero trifft es ganz gut, wenn er meint, sie sei eine Frau gewesen, die „ihre ganze Lebensaufgabe in der Beihilfe zum Vorwärtskommen ihrer Angehörigen  und deren Kinder beschlossen sah.“[5]
Agrippinas Gatte Ahenobarbus war ein Freund des Germanicus und wird bei Sueton als „überheblich ... und hart“ sowie von „großer Grausamkeit“ beschrieben (Suet. Ner. 4 u. 5).
Die Ehe war für das Mädchen Agrippina wohl sehr unglücklich, und als am 15. Dezember 37 in Antium ihr Sohn L. Domitius Ahenobarbus (Nero) geboren wurde, soll ihr Mann dazu nur gemeint haben: „Patris vox... negantis quicquam ex se et Agrippina nisi detestabile et malo nasci potuisse“ (Suet. Ner. 6).
Zu dieser Zeit war bereits Agrippinas Bruder Caligula auf den Thron gekommen, was für Agrippina und ihre Schwestern Livilla und Drusilla einen gewaltigen Aufstieg bedeutete. Caligula umgab sich ständig mit seinen Schwestern. Sie erfuhren Rangerhöhungen nach dem Vorbild der Vestalinnen, bei Spielen saßen sie an der Seite des Kaisers[6], die Konsuln mußten ihren Berichten die Formel: „quod bonum felixque sit C. Caesari sororibusque eius“ beigeben (Suet. Cal. 15). Sueton schreibt auch, daß Caligula in inzestuösem Verkehr mit seinen Schwestern stand (Suet. Cal. 24), was allgemein in der wissenschaftlichen Literatur akzeptiert wird..
Als nun also Nero geboren wurde hatte die junge Frau eine Aufgabe, die Geburt ihres Sohnes eröffnet neue Perspektiven: Agrippina begann daran zu arbeiten, ihm den Weg zum Thron zu bahnen, sie ging wahrscheinlich ein Verhältnis mit M. Aemilius Lepidus ein, Drusillas Witwer und ein Favorit für die Nachfolge Caligulas[7]. Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Charakter Agrippinas für uns Form zu bekommen und ihre ureigensten Eigenschaften treten zutage, wie die Verwendung ihrer Sexualität zum Erhalt und Ausbau ihrer Macht (Tac. Ann. XII, 7)[8]. Als Aemilius Lepidus dann wegen Hochverrats im Jahr 39 der Prozeß gemacht wird, muß Agrippina in die Verbannung auf die pontischen Inseln gehen.
Nero blieb derweil in Rom bei seiner Tante Domitia Lepida. Anfang des Jahres 40 stirbt Cn. Domitius Ahenobarbus an Wassersucht (Suet. Ner. 5) und als sie 41 n.Chr. nach der Ermordung Caligulas von Claudius zurückgerufen wird, steht einer neuen Ehe nichts mehr im Wege.

II.II. Der Weg zur Macht 

Zunächst verhindert Messalina, Claudius Frau, eine Annäherung zum Kaiser, zwischen den beiden Frauen entsteht eine verbissene Feindschaft, beide sehen im Sohn der anderen eine Bedrohung im Kampf um die Nachfolge. (Tac. ann. XI 12; Suet. Ner. 6) Nachdem ihr der Weg zu Claudius vorerst versperrt bleibt, bemüht sich Agrippina um den späteren Kaiser Galba, hier stand ihr allerdings seine Schwiegermutter im Weg[9] (Suet. Galb. 5). Ihren zweiten Ehemann fand sie dann in C. Sallustius Passienus Crispus, einem außergewöhnlich reichen Mann aus dem Senatorenstand, der 44 n.Chr. Konsul war (Suet. Ner. 6).  Auch er war verheiratet und mußte sich erst von seiner Frau und Agrippinas Schwägerin Domitia scheiden lassen[10]. Als sich Messalina 48 n.Chr. selbst zu Fall brachte und Claudius eine neue Frau brauchte, dauerte es nicht lange, daß Agrippina ihren Mann aus dem Weg schaffte, freilich nicht ohne sich vorher das Erbe zu sichern[11]. Mit Hilfe des einflußreichen „libertus“ Pallas gelingt es ihr, den anderen Kandidatinnen vorgezogen zu werden (Tac. Ann. XII 1-3), als Gegenleistung geht sie mit ihrem Helfershelfer ein dauerhaftes Verhältnis ein (Tac. Ann. XII 25 und 65; XIV 2). Problematisch gestaltete sich die Tatsache, daß Agrippina die Nichte des Claudius war, und eine Eheschließung wäre ohne Gesetzesbruch nicht möglich gewesen. Nachdem aber die alten sittlichen Schranken ohnehin bereits stark aufgeweicht waren (besonders innerhalb des jul.-claud. Hauses), bereitete es Vitellius, einem weiteren Gefolgsmann Agrippinas, wohl wenig Probleme, im Senat die Aufhebung des Verbots der Oheim-Nichte Ehe durchzusetzen. Ende des Jahres 49 n.Chr. ist die Eherechtsänderung dann vollzogen und Agrippina erhält die Position, in der sie nun wirklich danach trachten kann, ihrem Sohn den Weg zum Thron zu bahnen.

II.III. Agrippina als Herrscherin

Gleich zu Beginn ihrer Ehe mit Claudius werden uns die außergewöhnlichen Fähigkeiten Agrippinas offenbar, wenn es um die Absicherung ihrer Ziele geht.
Sie schafft es, getreue Vertrauensmänner nicht nur in wichtigen Positionen sondern auch in mittleren Rängen für sich zu gewinnen und unangenehmere Personen  dadurch fernzuhalten, daß sie ihnen Beförderungen in Posten außerhalb Roms verschafft- auf diese Weise vermied Agrippina unnötige Feinde[12].
Als alleinigen Präfekten der Prätorianer bestellte sie ihren Vertrauten Afranius Burrus (Tac.
Ann. XII 42), bisher waren fast immer zwei Männer in dieser Position gewesen[13]. Agrippina hatte wohl bereits als Caligula ermordet worden war die Bedeutung der Prätorianer als Kaisermacher und Kaisermörder erkannt. Als Tochter des Germanicus hatte sie bei den Prätorianern ohnehin einen besonderen Sympathiebonus[14]. Auch holte sie Seneca aus der Verbannung zurück und machte ihn zum Erzieher des Nero. Weibliche Konkurrentinnen wie Sollia oder Calpurnia, die dem Claudius zu nahe kommen eliminierte Agrippina mit schonungsloser Härte (Tac. Ann. XII 22).
Der Einfluß Agrippinas auf Claudius nahm stetig zu, trotz heftiger Opposition des Narzissus, eines einflußreichen Freigelassenen am Hofe Claudius‘[15]. Um ihrem Ziel, Nero den Thron zu sichern, näher zu kommen, engagierte sie sich stark für dessen Vermählung mit Octavia, der Tochter des Claudius und der Messalina, die allerdings bereits mit L. Silanus verlobt war. Es gelingt aber Agrippinas Helfershelfer Vitellius durch die Anschuldigung, Silanus  habe in Blutschande mit seiner Schwester Iunia Calpurnia gestanden, eine Auflösung der Verlobung zu erwirken.
Im Jahr 50 kann Agrippina Claudius schließlich dazu zu bringen, ihren Sohn zu adoptieren[16] und dessen Vermählung mit Octavia zu beschließen[17]. Somit war Nero nun Stief-, Adoptiv- und Schwiegersohn des Claudius in einer Person, was bereits mehr als eine Gleichstellung mit Claudius‘ leiblichen Sohn Britannicus bedeutete. Bei selbiger Gelegenheit erreichte Agrippina auch als erste Frau eines lebenden Prinzeps ihre Ernennung zur Augusta durch den Senat (Tac. Ann. XII 26). Ihr voller Name mit Titeln lautete nun: IVLIA AVGVSTA GERMANICI CAESARIS FILIA AGRIPPINA TI(BERII) CLAUDII CAESARIS AUGUSTI (uxor)[18]. Agrippina verstand es, aus diesem Titel mehr als einen reinen Ehrentitel zu machen[19] und ihre Position zu der einer regelrechten Mitregentin zu erweitern.
Dem Volk erschien Agrippina als deutliche Verbesserung gegenüber den Umtrieben der Messalina. Weniger Skandale und Staatsprozesse als vorher prägten das politische Leben[20], in ihrem persönlichen Lebenswandel vermied sie peinliche Liaisons, zumindest verbarg sie diese vor der Öffentlichkeit. Auch Tacitus bescheinigt ihr, sie habe einen züchtigen Lebenswandel gepflogen, außer eine Verbindung versprach politische Vorteile (Tac.Ann. XII 2)[21]. Innenpolitisch trat Agrippina vor allem durch die Sanierung des Staatsschatzes und der kaiserlichen Finanzen hervor, die durch die Verschwendungssucht Messalinas arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren.
Ferrero möchte in Agrippina eine Verfechterin altaristokratischer römischer Moral erkennen, die sich vehement gegen die orientalische Sittenlosigkeit wehrte. Woraus er das allerdings schließen will, ist äußerst fraglich, besonders wenn man ein Augenmerk auf die hellenistischen Elemente legt, mit denen Agrippina ihrer Herrschaft Ausdruck verlieh.
Ihr Titel „Augusta“ ist in etwa im selben Sinn zu verstehen, wie der einer „basileia“ in einer hellenistischen Monarchie[22]. In Darstellungen finden wir Agrippina oft mit Cereskranz[23], was manche als Indiz für ihre Vergöttlichung in den Provinzen ansehen[24], es liegt allerdings weit näher, darin den Versuch zu sehen, ein Gegenstück zum Lorbeerkranz der Kaiser zu schaffen.
 Sie trat in der sogenannten „Chlamys“, einem golddurchwirkten Mantel, auf (Tac. Ann. XII 56) und entfernte sich damit noch weiter von der römischen Frauen zustehenden Kleidung als die anderen Frauen des julisch-claudischen Hauses[25]. Sie erhielt von Claudius desweiteren das Ehrenrecht auf eigene Empfänge und Audienzen, die in der römischen Staatszeitung veröffentlicht wurden (Cass.Dio LX, 33), eine praetorianische Ehrenwache , sie benutzte Staatsschiffe für Reisen, an ihrem Geburtstag gab es öffentliche Feiern und bei Spielen hatte sie einen Ehrenplatz an der Seite ihres Mannes. All dies waren Ehrungen und Rechte, die keiner Frau der römischen Geschichte vor Agrippina zuteil wurden, Tacitus ist sogar der Meinung, sie habe dieselben Ehrungen genossen wie Claudius (Tac. Ann. XII 37).
Das eindrücklichste Ehrenrecht aber , das Agrippina als erste Römerin erlangte, war zweifelsohne das volle Münzrecht, das ihr von Claudius gewährt wurde. Es wurden Münzen geprägt, auf denen wir Agrippina ohne Claudius abgebildet finden. Besondere Bedeutung mißt Kahrstedt dabei einer Münze zu, auf der Agrippina ohne Namen oder Porträt des Kaisers auf Senatskupfer abgebildet ist[26].
Agrippina war über dieses Münzrecht natürlich auch in der Lage programmatische Inhalte zu verbreiten. Interessant hierzu ist eine Münze aus der Zeit Kaiser Claudius‘, auf deren Vorderseite Agrippina mit dem Cereskranz abgebildet ist und deren Rückseite Nero zeigt, ausgewiesen als „princeps iuventutis“[27].
Als Claudius bereits in hohem Alter am 13. Oktober 54 plötzlich starb und Agrippina ihren Sohn Nero auf den Thron bringt (siehe unten), waren viele der Ansicht, Agrippina habe ihren Gatten durch Gift aus dem Weg geräumt. Alle antiken Autoren[28] belegen uns den Mord durch ein Pilzgericht, offiziell starb Claudius aber an einer Fieberattacke. Als Motiv berichtet uns Sueton (Suet. Claud. 43), daß Claudius anläßlich der  nahenden Verleihung der „toga virilis“ an Britannicus gemeint haben soll, er wolle, daß das römischen Volk endlich seinen wahren Caesar erhalte. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, daß Claudius eines natürlichen Todes starb. Ein so plötzlicher Tod mußte zwangsläufig Gerüchte hervorrufen, und Sueton und Tacitus, die Agrippina nicht sonderlich positiv beurteilten, waren wohl nur zu gerne bereit, diesen Gerüchten Glauben zu schenken.

II .IV. Nero und Agrippinas Ende

Auf Claudius‘ Tod reagierte Agrippina rasch und mit aller Entschlossenheit. Gleich nach der Verkündung des Todes des Kaisers wurde der erst 17-jährige Nero durch Zutun Agrippinas von den Prätorianern zum neuen Kaiser akklamiert, dem Senat blieb keine andere Wahl, als Nero zu bestätigen. Die erste Losung, die Nero den Wachen gab, lautete „optima mater“, auf Münzen wird Agrippina als „mater Augusti“ ausgewiesen. 
Am Anfang von Neros Regierung gestaltete sich das Verhältnis der beiden also äußerst innig. Ihre Position war zunächst noch glanzvoller, als ohnehin schon zu Claudius‘ Zeiten. Sie fuhr gemeinsam mit Nero (oder auch vor ihm) in der Sänfte (Suet. Ner. 9), Senatssitzungen wurden in die palatinische Bibliothek verlegt, damit sich Agrippina hinter einer Tür beteiligen konnte (Tac. Ann. XIII 5) und Agrippina wurde Priesterin des zum Gott erklärten Claudius.
Domitia Lepida, Agrippinas ehemalige Schwägerin, wurde im Jahre 54 n. Chr. ebenfalls durch ein Senatsverfahren zum Tode verurteilt[29]. Auch Narcissus, der ihre Verteidigung übernommen hatte, konnte an diesem Urteil nichts mehr ändern. Laut Tacitus soll sie versucht haben, Agrippina mit Hilfe von magischen Mitteln zu töten. Ferner sei die große Anzahl von Sklaven, die Domitia Lepida besaß und die als Arbeitskräfte auf ihren Gütern im Süden Italiens und in der Region Calabria tätig waren, zu einer Bedrohung für den Frieden Italiens geworden.
Später beseitigte sie auch ihre politischen Feinde Silanus und Narcissus, ohne ihren Sohn einzuweihen (Tac. Ann. XIII 1).
Das Verhältnis Agrippinas zu Nero wurde aber zusehends belastet, seit Nero ein Verhältnis mit Claudia Acte eingegangen war und sich von seiner Mutter zu lösen begann, die zusehends zur Fürsprecherin seiner Frau Octavia wurde. Die Loyalitäten von Neros Erziehern Burrus und Seneca galten bereits dem neuen Kaiser, weniger der Agrippina und nach der Entlassung des Pallas war Agrippinas Einfluß sehr eingeschränkt.Dennoch versuchte Agrippina weiterhin Einfluß auf die Politik zu nehmen, was Tacitus mit den Worten kommentiert: „Sie brachte es wohl fertig, ihrem Sohn den Thron zu erringen, aber nicht, sich vor dem Gekrönten zu beugen.“
(Tac. Ann. XII 64)
Ab 56 wurde Agrippina nach und nach aller Sonderrechte beraubt, bis sie schließlich den Palast verlassen mußte (Tac.Ann. XIII 8). Sie überstand zwar zunächst noch eine Verschwörung, die gegen sie angezettelt worden war[30], aber als Nero dann 58 ein Verhältnis mit Poppaea einging, das von Agrippina heftig bekämpft wurde, war die Beziehung zwischen Mutter und Sohn am Ende.
Wenn man Tacitus Glauben schenken will, so versuchte Agrippina ihren Sohn zur Blutschande zu verführen, um ihren Einfluß zurückzugewinnen (Tac. Ann. XIV 2).  eine Darstellung, die von manchen Autoren als Topos der Tyrannendarstellung angesehen wird[31]. Möglicherweise steht diese Geschichte aber auch nur schlechthin für das ödipale Verhältnis Neros zu Agrippina, das auf diese Weise manifestiert wurde. Natürlich ist allerdings gut möglich, daß der Geschichte ein wahrer Kern zugrundeliegt, wenn man bedenkt, daß Agrippina zuerst mit ihrem Cousin verheiratet war, dann wahrscheinlich ihr Bruder mit ihr sexuellen Verkehr hatte, und sie schließlich mit ihrem Onkel verheiratet war – verwandtschaftliche Bande war also kein besonderer Hindernisgrund für Geschlechtsverkehr[32].
Anfang des Jahres 59 faßte Nero dann den Beschluß, sich seiner Mutter zu entledigen. Agrippina war  jedoch noch so beliebt, daß ein offener Mord unmöglich gewesen wäre, ein Giftmord wäre auch riskant gewesen, da Agrippina durch die Zusichnahme von Antidoten solchen Anschlägen vorbeugte (Suet. Ner. 34 und Tac. Ann. XIV 3). 
So entschied man schließlich, Agrippina unter dem Vorwand einer Versöhnung zu einem Fest[33] nach Baiae zu locken. Agrippina war vor der Untat gewarnt worden, folgte aber dennoch der Einladung. Auf der Überfahrt sollte der Mord erfolgen, doch konnte sich Agrippina retten und so wurde sie in ihrem Anwesen in Bauli erschlagen. Ihrem Mörder soll sie entgegnet habe: „Triff diesen Leib (der Nero geboren hat)“ (Tac. Ann. XIV 9).
 
Nero ließ seiner Mutter kein positives Andeken zuteil werden, ihr Geburtstag wurde vom Senat zum Unglückstag erklärt, Agrippina erhielt kein eigenes Grab von Nero. Ihre Bediensteten sollen später aber auf der Straße nach Misenum ein Grabmal errichtet haben (Tac. Ann. XIV 9).
Tatsächlich kennt die Tradition eine „tomba d‘Agrippina“ bzw. ein „sepulcro d’Agrippina“, das allerdings in Wirklichkeit das Theater eines antiken Siedlung gewesen ist[34]  

III. Das Fortleben Agrippinas in Kunst und Literatur

Das zentrale Thema in dem Agrippina uns in der Kunst begegnet ist die der innere Konflikt Kaiser Neros nach dem Muttermord, der ihn, verfolgt vom rachsüchtigen Geist seiner Mutter, in den Wahnsinn treibt[35].
Seneca verarbeitet diesen Gedanken als erster in seinem Werk „Octavia“ (s.oben S.2), Tacitus übernimmt das Thema und läßt Nero nach dem Muttermord rastlos von Schuldgefühlen gepeinigt durch die Nacht irren und nimmt das matricidium auch als Zäsur zum sich anbahnenden Wahnsinn Neros.
Theaterstücke über Agrippina selbst verfaßten im 17. Jahrhundert der Deutsche Casper Daniel von Lohenstein[36] und der Engländer John May („Julia Agrippina“, uraufgeführt 1639), ebenfalls aus Barock ist die Oper „Agrippina“ von Georg Friedrich Händel (uraufgeführt 1709 oder 1710).
Weitgehend unbekannt ist eine weitere Oper mit dem Titel „Agrippina“ von Nicola Antonio Porpora.
Auch in unserem Jahrhundert ist Agrippina als Figur weiter bearbeitet worden, etwa im Film „Giro di Luna tra Terra e Mare“ des italienischen Regisseurs Giuseppe M. Gaudino, der beim Filmfestival in Venedig 1997 gezeigt wurde.
Auch hier begegnen wir wieder einmal dem Thema des Muttermordes, allerdings steht diese Geschichte nicht im Mittelpunkt des Films, der sich um die Stadt Puzzuoli unweit von Neapel dreht.
Weiters begegnet uns Agrippina im Gedicht „Death of Agrippina“ von John G. Neihardt im Chicago Poetry Magazine von 1913 und im burlesken Theaterstück „Nero, a Roman-tick Fiddler“ von John Millingen aus dem Jahr 1833. Belletristische Werke mit Agrippina als zentrales Thema sind: Pierre Grimal, Die Wölfin von Rom, München1994, ders., Memoires d’Agrippine, Paris 1994 und R. Raffay, Die Memoiren der Kaiserin Agrippina, o.A. 1884.

IV. Bibliographie:

i. Bibliographien

P. Goodwater, Women in Antiquity, New York 1991²
A.M. Vérillac und C. Vial, La Femme dans le monde méditerranéen. Tomme II: La Femme grecque et romaine.

ii. Antike Autoren:

Cornelius Tacitus, Annalen, Ed. Horneffer, Stuttgart 1964
Gaius Sueton, Kaiserbiographien, Ed. Wittstock, Berlin 1993
Cassius Dio, römische Geschichte LX und LXI, Ed. O. Veh, Zürich/ München 1985
Flavius Iosephus, Jüdischer Krieg II, Ed. Clementz, Wiesbaden 1978
ders., Jüdische Altertümer XX, Ed. Clementz, 1893

  iii. epigraphische Werke:

CIL, II, 963
VI, 921 und 2041
IX, 6362
X, 1418
XI, 3600
CIG, 2183/ 2960/ 3610/ 3858
ephem.epigr., II, S.8
VII, 1242
ILS, I, 220

  iv. numismatische Werke:

Vogt, Alexandrinische Münzen, S.24ff.
RIC, I, S.127/134ff./145
Cohen I, S. 248f. und S.271ff
BMC (Greek), Vol.Troas, Aeolis, Lesbos, S.117
Vol. Lydia, S. 162, 7/8 und S. 106, 22
Vol. Phrygia, S. 389, 13/14
Vol. Ionia, S. 372, 228
Vol. Alexandria, S. 14, 108-111
Vol. Pontus/ Bosporus, S. 46
Mionnet V S.554, Nr. 216
Eckhel VI 219 und 259

v. Sekundärliteratur:

E. Kornemann, Große Frauen des Altertums, Leipzig 1942
Lackeit, RE X, 1 (1917), Sp. 909ff s.v. Iulius (Agrippina)
W. Schuller, Frauen in der römischen Geschichte, Konstanz 1987
R. Hawley (Hg.), Women in Antiquity- New Assessments, London/ New York 1995
A. Alföldi, Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreiche, Darmstadt 1970
Kahrstedt, Frauen auf antiken Münzen, Klio X, 1910, S. 296/97
H. Temporini, Frauen am Hofe Kaiser Trajans. Ein Beitrag zur Stellung der Augusta im      Prinzipat, Berlin/ New York 1978
T. Späth, Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus, New York 1994
Fantham et al., Women in the Classical World, New York/ Oxford 1994
G. Ferrero, Die Frauen der Caesaren, Stuttgart 1921³
Groag, RE V, 1 (1903), Sp. 1331ff s.v. Domitius Ahenobarbus Nr.25
Anthony A. Barrett, Agrippina: Sex, Power and Politics in the early Empire, Yale 1996
A.A. Barrett, Agrippina, Sister of Caligula, Wife of Claudius, Mother of Nero, London 1996
R.A. Baumann, Women and Politics in Ancient Rome, London 1992
Werner Eck, Agrippina- die Stadtgründerin Kölns. Eine Frau in der frühkaiserzeitlichen Politik, Köln, o.A.
A. Dawson, „Whatever happened to Lady Agrippina“ in Classical Journal 64 (1969)
Ulrike Hahn in: Die Frauen des römischen Kaiserhauses und ihre Ehrungen im griechischen Osten anhand der epigraphischen und numismatischen Zeugnisse von Livia bis Sabina Hg. von Peter R. Franke, Saarbrücken 1994
J. Humphrey, The three daughters of Agrippina maior, AJAH 4 (1979)
D.E.E. Kleiner und S.B. Matheson (Hg.), I Claudia. Women in Ancient Rome, New Haven 1994 S.62ff.
B. Leadbetter, „The Ambition of Agrippina the younger“ in Ancient History 25.1 (1995)
E. Paratore, La figura di Agrippina minore in Tacito in Maia 5, 1952 S.32ff
F. Sandels, Die Stellung der kaiserlichen Frauen aus dem julisch-claudischen Hause, Diss. Gießen 1912
F.Santoro L’hoir, „Tacitus and women’s usurpation of power“ in Classical World 88 (1994) S.5ff.
Adolf Stahr, Agrippina, die Mutter Neros, Berlin 1880²
G. Vidén, Women in Roman Literature, Gothenburg 1993
K.G. Wallace, „Women in Tacitus“ in ANRW II, 33 hg. von H. Temporini und G. Haase, Berlin 1991
Patricia Watson, Ancient Stepmothers, Leiden 1995
Münzer, RE V, 1 (1903) Sp. 1509ff s.v. Domitius  Nr.91
B. Kytzler, Frauen der Antike, Zürich 1994
J.F. Gardner, Frauen im antiken Rom, München 1995
Stein, RE XVII, 2 (1937) Sp. 2056ff s.v. Olfonius Tigellinus
H. Fichte, Lohensteins Agrippina, Köln 1978

vi. Online- Publikationen http://www.lamp.ac.uk/~davidnoy/roman8.htm           kompakte Zusammenfassung über Agrippina
http://library.advanced.org/11402/homebio.html        kurze Biographie über Agrippina
http://www.salve.edu/~romanemp/nero.html              Information über Agrippina in einer Nero-Biographie
http://www.uky.edu/ArtsSciences/Classics/gender.html   Diotima-Webseite; Studien zur Geschlechterforschung in der Antike
http://www.cib.na.cnr.it/CampFlegrei/bacolimi/agrippina.html
Information über die „tomba d’Agrippina“


 

 

 

 

 

 

 © Werner Stangl 2004