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Die jüngere Agrippina
I.
Zum
Geleit
Agrippina
die Jüngere, „die als Tochter eines Imperators, als Schwester, Gattin und
Mutter von Kaisern bis auf den heutigen Tag einzig dasteht“ (Tac. Ann. XII 42)
gilt in der römischen Geschichtsschreibung als skrupelloses herrschsüchtiges
Weib. Das ödipal anmutende Verhältnis Neros zu seiner Mutter[1] illustriert außerdem ihr dominantes Wesen.
Dennoch
muß man sich vergegenwärtigen, daß trotz der sicherlich vorgefallenen
Verbrechen und ihrer starken Herrschsucht das so extrem dunkle Bild der
Agrippina bei Sueton und vor allem Tacitus sehr von der Tatsache bestimmt ist,
daß es sich bei Agrippina um eine Frau handelte. Tacitus beschreibt die
Herrschaft Agrippinas als „quasi virile“ (Tac. Ann. XII, 7), also im
Gegensatz zu Livia nicht Einflußnahme aus dem Hintergrund, sondern ein offenes
Auftreten als Regentin. Tacitus‘ Einstellung zu herrschenden Frauen zeigt sich
besonders klar in seinem Bericht über die Sitonen (Germania 45): „Bei ihnen
regiert eine Frau; so sehr haben sie die Freiheit eingebüßt. Ja, sie stehen
dadurch, daß sie einer Frau untertan sind, noch tiefer als ein Sklave."
Wenn Agrippina irgendwo in die Politik Einfluß nahm, so geschah dies durchwegs
„illegitim“ durch „Verführungskünste“, „Umstrickungen“ oder „Ränke“.
Es steht jedenfalls außer Frage, daß Agrippinas Taten und ihre Herrschaft in
der antiken Literatur viel positiver bewertet worden wären, hätte es sich
nicht um eine Frauenherrschaft gehandelt.
II.
Das Leben Agrippinas
II.I. Jugend einer Kaiserin
Iulia
Agrippina war die älteste Tochter des Germanicus und der Vipsania Agrippina.
Sie wurde am 6. November 15 n.Chr.[3]
im „oppidum Ubiorum“ (später:
Colonia Agrippinensis“, heute: Köln) geboren. Sie war die jüngere Schwester
von Gaius (Caligula).
Ihr Vater Germanicus starb als sie 4 war, ihre Mutter mußte 28
n.Chr. ins Exil.
Als
Mitglied des iulischen Hauses wurde Agrippina bereits 28 n.Chr., also mit 12
Jahren, aus dynastischen Gründen auf Veranlassung Kaiser Tiberius‘ mit ihrem
Cousin Cn. Domitius Ahenobarbus verheiratet[4].
Ferrero trifft es ganz gut, wenn er meint, sie sei eine Frau gewesen, die
„ihre ganze Lebensaufgabe in der Beihilfe zum Vorwärtskommen ihrer Angehörigen
und deren Kinder beschlossen sah.“
Agrippinas
Gatte Ahenobarbus war ein Freund des Germanicus und wird bei Sueton als „überheblich
... und hart“ sowie von „großer Grausamkeit“ beschrieben (Suet. Ner. 4 u.
5).
Die
Ehe war für das Mädchen Agrippina wohl sehr unglücklich, und als am 15.
Dezember 37 in Antium ihr Sohn L. Domitius Ahenobarbus (Nero) geboren wurde,
soll ihr Mann dazu nur gemeint haben: „Patris
vox... negantis quicquam ex se et Agrippina nisi detestabile et malo nasci
potuisse“ (Suet. Ner. 6).
Zu
dieser Zeit war bereits Agrippinas Bruder Caligula auf den Thron gekommen, was für
Agrippina und ihre Schwestern Livilla und Drusilla einen gewaltigen Aufstieg
bedeutete. Caligula umgab sich ständig mit seinen Schwestern. Sie erfuhren
Rangerhöhungen nach dem Vorbild der Vestalinnen, bei Spielen saßen sie an der
Seite des Kaisers[6],
die Konsuln mußten ihren Berichten die Formel: „quod bonum felixque sit C. Caesari sororibusque eius“ beigeben
(Suet. Cal. 15). Sueton schreibt auch, daß Caligula in inzestuösem Verkehr mit
seinen Schwestern stand (Suet. Cal. 24), was allgemein in der wissenschaftlichen
Literatur akzeptiert wird..
Als
nun also Nero geboren wurde hatte die junge Frau eine Aufgabe, die Geburt ihres
Sohnes eröffnet neue Perspektiven: Agrippina begann daran zu arbeiten, ihm den
Weg zum Thron zu bahnen, sie ging wahrscheinlich ein Verhältnis mit M. Aemilius
Lepidus ein, Drusillas Witwer und ein Favorit für die Nachfolge Caligulas[7].
Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Charakter Agrippinas für uns Form zu bekommen
und ihre ureigensten Eigenschaften treten zutage, wie die Verwendung ihrer
Sexualität zum Erhalt und Ausbau ihrer Macht (Tac. Ann. XII, 7)[8].
Als Aemilius Lepidus dann wegen Hochverrats im Jahr 39 der Prozeß gemacht wird,
muß Agrippina in die Verbannung auf die pontischen Inseln gehen.
Nero
blieb derweil in Rom bei seiner Tante Domitia Lepida. Anfang des Jahres 40
stirbt Cn. Domitius Ahenobarbus an Wassersucht (Suet. Ner. 5) und als sie 41
n.Chr. nach der Ermordung Caligulas von Claudius zurückgerufen wird, steht
einer neuen Ehe nichts mehr im Wege.
II.II. Der Weg zur Macht
Zunächst
verhindert Messalina, Claudius Frau, eine Annäherung zum Kaiser, zwischen den
beiden Frauen entsteht eine verbissene Feindschaft, beide sehen im Sohn der
anderen eine Bedrohung im Kampf um die Nachfolge. (Tac.
ann. XI 12; Suet. Ner. 6)
Nachdem
ihr der Weg zu Claudius vorerst versperrt bleibt, bemüht sich Agrippina um den
späteren Kaiser Galba, hier stand ihr allerdings seine Schwiegermutter im Weg[9]
(Suet. Galb. 5).
Ihren zweiten Ehemann fand sie dann in C. Sallustius Passienus Crispus, einem außergewöhnlich
reichen Mann aus dem Senatorenstand, der 44 n.Chr. Konsul war (Suet. Ner. 6).
Auch er war verheiratet und mußte sich erst von seiner Frau und
Agrippinas Schwägerin Domitia scheiden lassen[10].
Als
sich Messalina 48 n.Chr. selbst zu Fall brachte und Claudius eine neue Frau
brauchte, dauerte es nicht lange, daß Agrippina ihren Mann aus dem Weg
schaffte, freilich nicht ohne sich vorher das Erbe zu sichern[11].
Mit Hilfe des einflußreichen „libertus“
Pallas gelingt es ihr, den anderen Kandidatinnen vorgezogen zu werden (Tac.
Ann. XII 1-3), als Gegenleistung geht sie mit ihrem Helfershelfer ein
dauerhaftes Verhältnis ein (Tac. Ann. XII 25 und 65; XIV 2).
Problematisch gestaltete sich die Tatsache, daß
Agrippina die Nichte des Claudius war, und eine Eheschließung wäre ohne
Gesetzesbruch nicht möglich gewesen. Nachdem aber die alten sittlichen
Schranken ohnehin bereits stark aufgeweicht waren (besonders innerhalb des
jul.-claud. Hauses), bereitete es Vitellius, einem weiteren Gefolgsmann
Agrippinas, wohl wenig Probleme, im Senat die Aufhebung des Verbots der
Oheim-Nichte Ehe durchzusetzen. Ende des Jahres 49 n.Chr. ist die Eherechtsänderung dann vollzogen und
Agrippina erhält die Position, in der sie nun wirklich danach trachten kann,
ihrem Sohn den Weg zum Thron zu bahnen.
II.III. Agrippina
als Herrscherin
Gleich
zu Beginn ihrer Ehe mit Claudius werden uns die außergewöhnlichen Fähigkeiten
Agrippinas offenbar, wenn es um die Absicherung ihrer Ziele geht.
Sie schafft es, getreue Vertrauensmänner nicht nur in wichtigen Positionen
sondern auch in mittleren Rängen für sich zu gewinnen und unangenehmere
Personen dadurch fernzuhalten, daß
sie ihnen Beförderungen in Posten außerhalb Roms verschafft- auf diese Weise
vermied Agrippina unnötige Feinde.
Als
alleinigen Präfekten der Prätorianer bestellte sie ihren Vertrauten Afranius
Burrus (Tac.
Ann. XII 42), bisher waren fast immer zwei Männer in dieser Position gewesen.
Agrippina hatte wohl bereits als Caligula ermordet worden war die Bedeutung der
Prätorianer als Kaisermacher und Kaisermörder erkannt. Als Tochter des
Germanicus hatte sie bei den Prätorianern ohnehin einen besonderen
Sympathiebonus.
Auch holte sie Seneca aus der Verbannung zurück und machte ihn zum Erzieher des
Nero.
Weibliche Konkurrentinnen wie Sollia oder Calpurnia, die dem Claudius zu nahe
kommen eliminierte Agrippina mit schonungsloser Härte (Tac. Ann. XII 22).
Der
Einfluß Agrippinas auf Claudius nahm stetig zu, trotz heftiger Opposition des
Narzissus, eines einflußreichen Freigelassenen am Hofe Claudius‘.
Um ihrem Ziel, Nero den Thron zu sichern, näher zu kommen, engagierte sie sich
stark für dessen Vermählung mit Octavia, der Tochter des Claudius und der
Messalina, die allerdings bereits mit L. Silanus verlobt war. Es gelingt aber
Agrippinas Helfershelfer Vitellius durch die Anschuldigung, Silanus
habe in Blutschande mit seiner Schwester Iunia Calpurnia gestanden, eine
Auflösung der Verlobung zu erwirken.
Im
Jahr 50 kann Agrippina Claudius schließlich dazu zu bringen, ihren Sohn zu
adoptieren
und dessen Vermählung mit Octavia zu beschließen.
Somit war Nero nun Stief-, Adoptiv- und Schwiegersohn des Claudius in einer
Person, was bereits mehr als eine Gleichstellung mit Claudius‘ leiblichen Sohn
Britannicus bedeutete. Bei selbiger Gelegenheit erreichte Agrippina auch als
erste Frau eines lebenden Prinzeps ihre Ernennung zur Augusta durch den Senat (Tac. Ann. XII 26). Ihr voller Name mit Titeln lautete nun: IVLIA AVGVSTA
GERMANICI CAESARIS FILIA AGRIPPINA TI(BERII) CLAUDII CAESARIS AUGUSTI (uxor).
Agrippina verstand es, aus diesem Titel mehr als einen reinen Ehrentitel zu
machen
und ihre Position zu der einer regelrechten Mitregentin zu erweitern.
Dem
Volk erschien Agrippina als deutliche Verbesserung gegenüber den Umtrieben der
Messalina. Weniger Skandale und Staatsprozesse als vorher prägten das
politische Leben,
in ihrem persönlichen Lebenswandel vermied sie peinliche Liaisons, zumindest
verbarg sie diese vor der Öffentlichkeit. Auch Tacitus bescheinigt ihr, sie
habe einen züchtigen Lebenswandel gepflogen, außer eine Verbindung versprach
politische Vorteile (Tac.Ann. XII 2).
Innenpolitisch trat Agrippina vor allem durch die Sanierung des Staatsschatzes
und der kaiserlichen Finanzen hervor, die durch die Verschwendungssucht
Messalinas arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren.
Ferrero
möchte in Agrippina eine Verfechterin altaristokratischer römischer Moral
erkennen, die sich vehement gegen die orientalische Sittenlosigkeit wehrte.
Woraus er das allerdings schließen will, ist äußerst fraglich, besonders wenn
man ein Augenmerk auf die hellenistischen Elemente legt, mit denen Agrippina
ihrer Herrschaft Ausdruck verlieh.
Ihr
Titel „Augusta“ ist in etwa im selben Sinn zu verstehen, wie der einer
„basileia“ in einer hellenistischen Monarchie.
In Darstellungen finden wir Agrippina oft mit Cereskranz,
was manche als Indiz für ihre Vergöttlichung in den Provinzen ansehen,
es liegt allerdings weit näher, darin den Versuch zu sehen, ein Gegenstück zum
Lorbeerkranz der Kaiser zu schaffen.
Sie trat in der
sogenannten „Chlamys“, einem golddurchwirkten Mantel, auf (Tac. Ann. XII 56)
und entfernte sich damit noch weiter von der römischen Frauen zustehenden
Kleidung als die anderen Frauen des julisch-claudischen Hauses.
Sie erhielt von Claudius desweiteren das Ehrenrecht auf eigene Empfänge und
Audienzen, die in der römischen Staatszeitung veröffentlicht wurden (Cass.Dio
LX, 33), eine praetorianische Ehrenwache , sie benutzte Staatsschiffe für
Reisen, an ihrem Geburtstag gab es öffentliche Feiern und bei Spielen hatte sie
einen Ehrenplatz an der Seite ihres Mannes. All dies waren Ehrungen und Rechte,
die keiner Frau der römischen Geschichte vor Agrippina zuteil wurden, Tacitus
ist sogar der Meinung, sie habe dieselben Ehrungen genossen wie Claudius (Tac.
Ann. XII 37).
Das
eindrücklichste Ehrenrecht aber , das Agrippina als erste Römerin erlangte,
war zweifelsohne das volle Münzrecht, das ihr von Claudius gewährt wurde. Es
wurden Münzen geprägt, auf denen wir Agrippina ohne Claudius abgebildet
finden. Besondere Bedeutung mißt Kahrstedt dabei einer Münze zu, auf der
Agrippina ohne Namen oder Porträt des Kaisers auf Senatskupfer abgebildet ist.
Agrippina war über dieses Münzrecht natürlich auch in der Lage
programmatische Inhalte zu verbreiten. Interessant hierzu ist eine Münze aus
der Zeit Kaiser Claudius‘, auf deren Vorderseite Agrippina mit dem Cereskranz
abgebildet ist und deren Rückseite Nero zeigt, ausgewiesen als „princeps
iuventutis“.
Als
Claudius bereits in hohem Alter am 13. Oktober 54 plötzlich starb und Agrippina
ihren Sohn Nero auf den Thron bringt (siehe unten), waren viele der Ansicht,
Agrippina habe ihren Gatten durch Gift aus dem Weg geräumt. Alle antiken
Autoren
belegen uns den Mord durch ein Pilzgericht, offiziell starb Claudius aber an
einer Fieberattacke. Als Motiv berichtet uns Sueton (Suet. Claud. 43), daß
Claudius anläßlich der nahenden
Verleihung der „toga virilis“ an Britannicus gemeint haben soll, er wolle,
daß das römischen Volk endlich seinen wahren Caesar erhalte. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, daß Claudius eines natürlichen
Todes starb. Ein so plötzlicher Tod mußte zwangsläufig Gerüchte hervorrufen,
und Sueton und Tacitus, die Agrippina nicht sonderlich positiv beurteilten,
waren wohl nur zu gerne bereit, diesen Gerüchten Glauben zu schenken.
II
.IV. Nero
und Agrippinas Ende
Auf
Claudius‘ Tod reagierte Agrippina rasch und mit aller Entschlossenheit. Gleich
nach der Verkündung des Todes des Kaisers wurde der erst 17-jährige Nero durch
Zutun Agrippinas von den Prätorianern zum neuen Kaiser akklamiert, dem Senat
blieb keine andere Wahl, als Nero zu bestätigen. Die
erste Losung, die Nero den Wachen gab, lautete „optima
mater“, auf Münzen wird Agrippina als „mater Augusti“ ausgewiesen.
Am Anfang von Neros Regierung gestaltete sich das Verhältnis der beiden also äußerst
innig. Ihre Position war zunächst noch glanzvoller, als ohnehin schon zu
Claudius‘ Zeiten. Sie fuhr gemeinsam mit Nero (oder auch vor ihm) in der Sänfte
(Suet. Ner. 9), Senatssitzungen wurden in die palatinische Bibliothek verlegt,
damit sich Agrippina hinter einer Tür beteiligen konnte (Tac. Ann. XIII 5) und
Agrippina wurde Priesterin des zum Gott erklärten Claudius.
Domitia Lepida, Agrippinas ehemalige Schwägerin, wurde im Jahre 54 n. Chr. ebenfalls
durch ein Senatsverfahren zum Tode verurteilt. Auch Narcissus, der ihre
Verteidigung übernommen hatte, konnte an diesem Urteil nichts mehr ändern.
Laut Tacitus soll sie versucht haben, Agrippina mit Hilfe von magischen Mitteln
zu töten. Ferner sei die große Anzahl von Sklaven, die Domitia Lepida besaß
und die als Arbeitskräfte auf ihren Gütern im Süden Italiens und in der
Region Calabria tätig waren, zu einer Bedrohung für den Frieden Italiens
geworden.
Später beseitigte sie auch ihre politischen Feinde Silanus und Narcissus, ohne
ihren Sohn einzuweihen (Tac. Ann. XIII 1).
Das
Verhältnis Agrippinas zu Nero wurde aber zusehends belastet, seit Nero ein
Verhältnis mit Claudia Acte eingegangen war und sich von seiner Mutter zu lösen
begann, die zusehends zur Fürsprecherin seiner Frau Octavia wurde. Die Loyalitäten
von Neros Erziehern Burrus und Seneca galten bereits dem neuen Kaiser, weniger
der Agrippina und nach der Entlassung des Pallas war Agrippinas Einfluß sehr
eingeschränkt.Dennoch versuchte Agrippina weiterhin Einfluß auf die Politik zu
nehmen, was Tacitus mit den Worten kommentiert: „Sie brachte es wohl fertig,
ihrem Sohn den Thron zu erringen, aber nicht, sich vor dem Gekrönten zu
beugen.“ (Tac. Ann. XII 64)
Ab 56 wurde Agrippina nach und nach aller
Sonderrechte beraubt, bis sie schließlich den Palast verlassen mußte (Tac.Ann.
XIII 8). Sie überstand zwar zunächst noch eine Verschwörung, die gegen sie angezettelt
worden war,
aber als Nero dann 58 ein Verhältnis mit Poppaea einging, das von Agrippina
heftig bekämpft wurde, war die Beziehung zwischen Mutter und Sohn am Ende.
Wenn
man Tacitus Glauben schenken will, so versuchte Agrippina ihren Sohn zur
Blutschande zu verführen, um ihren Einfluß zurückzugewinnen (Tac. Ann. XIV
2). eine Darstellung, die von manchen Autoren als Topos der
Tyrannendarstellung angesehen wird. Möglicherweise steht
diese Geschichte aber auch nur schlechthin für das ödipale Verhältnis Neros
zu Agrippina, das auf diese Weise manifestiert wurde. Natürlich ist allerdings gut möglich, daß der Geschichte ein wahrer Kern
zugrundeliegt, wenn man bedenkt, daß Agrippina zuerst mit ihrem Cousin
verheiratet war, dann wahrscheinlich ihr Bruder mit ihr sexuellen Verkehr hatte,
und sie schließlich mit ihrem Onkel verheiratet war – verwandtschaftliche
Bande war also kein besonderer Hindernisgrund für Geschlechtsverkehr.
Anfang
des Jahres 59 faßte Nero dann den Beschluß, sich seiner Mutter zu entledigen.
Agrippina war jedoch noch so
beliebt, daß ein offener Mord unmöglich gewesen wäre, ein Giftmord wäre auch
riskant gewesen, da Agrippina durch die Zusichnahme von Antidoten solchen Anschlägen
vorbeugte (Suet. Ner. 34 und Tac. Ann. XIV 3).
So entschied man schließlich, Agrippina unter dem Vorwand einer Versöhnung zu
einem Fest
nach Baiae zu locken. Agrippina war vor der Untat gewarnt worden, folgte aber
dennoch der Einladung. Auf der Überfahrt sollte der Mord erfolgen, doch konnte
sich Agrippina retten und so wurde sie in ihrem Anwesen in Bauli erschlagen.
Ihrem Mörder soll sie entgegnet habe: „Triff diesen Leib (der Nero geboren
hat)“ (Tac. Ann. XIV 9).
Nero
ließ seiner Mutter kein positives Andeken zuteil werden, ihr Geburtstag wurde
vom Senat zum Unglückstag erklärt, Agrippina erhielt kein eigenes Grab von
Nero. Ihre Bediensteten sollen später aber auf der Straße nach Misenum ein
Grabmal errichtet haben (Tac. Ann. XIV 9).
Tatsächlich kennt die Tradition eine „tomba d‘Agrippina“ bzw. ein
„sepulcro d’Agrippina“, das allerdings in Wirklichkeit das Theater eines
antiken Siedlung gewesen ist.
III.
Das Fortleben Agrippinas in Kunst und Literatur
Das zentrale Thema in dem Agrippina uns in
der Kunst begegnet ist die der innere Konflikt Kaiser Neros nach dem Muttermord,
der ihn, verfolgt vom rachsüchtigen Geist seiner Mutter, in den Wahnsinn treibt.
Seneca verarbeitet diesen Gedanken als erster
in seinem Werk „Octavia“ (s.oben S.2), Tacitus übernimmt das Thema und läßt
Nero nach dem Muttermord rastlos von Schuldgefühlen gepeinigt durch die Nacht
irren und nimmt das matricidium auch als Zäsur zum sich anbahnenden Wahnsinn
Neros.
Theaterstücke über Agrippina selbst verfaßten im 17. Jahrhundert der Deutsche
Casper Daniel von Lohenstein
und der Engländer John May („Julia Agrippina“, uraufgeführt 1639),
ebenfalls aus Barock ist die Oper „Agrippina“ von Georg Friedrich Händel
(uraufgeführt 1709 oder 1710).
Weitgehend unbekannt ist eine weitere Oper mit dem Titel „Agrippina“ von
Nicola Antonio Porpora.
Auch
in unserem Jahrhundert ist Agrippina als Figur weiter bearbeitet worden, etwa im
Film „Giro di Luna tra Terra e Mare“ des italienischen Regisseurs
Giuseppe M. Gaudino, der beim Filmfestival in Venedig 1997 gezeigt wurde.
Auch hier begegnen wir wieder einmal dem Thema
des Muttermordes, allerdings steht diese Geschichte nicht im Mittelpunkt des
Films, der sich um die Stadt Puzzuoli unweit von Neapel dreht.
Weiters
begegnet uns Agrippina im Gedicht „Death of Agrippina“ von John G. Neihardt
im Chicago Poetry Magazine von 1913 und im burlesken Theaterstück „Nero, a
Roman-tick Fiddler“ von John Millingen aus dem Jahr 1833. Belletristische
Werke mit Agrippina als zentrales Thema sind: Pierre Grimal, Die Wölfin von Rom, München1994, ders., Memoires d’Agrippine, Paris 1994 und R. Raffay, Die
Memoiren der Kaiserin Agrippina, o.A. 1884.
IV. Bibliographie:
i.
Bibliographien
P. Goodwater, Women in Antiquity, New York 1991²
A.M.
Vérillac und C. Vial, La Femme dans le
monde méditerranéen. Tomme II: La Femme
grecque et romaine.
ii.
Antike Autoren:
Cornelius Tacitus, Annalen, Ed. Horneffer, Stuttgart 1964
Gaius Sueton, Kaiserbiographien,
Ed. Wittstock, Berlin 1993
Cassius
Dio, römische Geschichte LX und LXI, Ed.
O. Veh, Zürich/ München 1985
Flavius
Iosephus, Jüdischer Krieg II, Ed.
Clementz, Wiesbaden 1978
ders.,
Jüdische Altertümer XX, Ed. Clementz,
1893
iii.
epigraphische Werke:
CIL, II, 963
VI,
921 und 2041
IX, 6362
X, 1418
XI, 3600
CIG,
2183/ 2960/ 3610/ 3858
ephem.epigr.,
II, S.8
VII, 1242
ILS, I, 220
iv.
numismatische Werke:
Vogt,
Alexandrinische Münzen, S.24ff.
RIC,
I, S.127/134ff./145
Cohen
I, S. 248f. und S.271ff
BMC
(Greek), Vol.Troas, Aeolis, Lesbos,
S.117
Vol. Lydia,
S. 162, 7/8 und S. 106, 22
Vol.
Phrygia, S. 389, 13/14
Vol. Ionia,
S. 372, 228
Vol. Alexandria, S. 14, 108-111
Vol. Pontus/ Bosporus, S. 46
Mionnet
V S.554, Nr. 216
Eckhel
VI 219 und 259
v.
Sekundärliteratur:
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Altertums, Leipzig 1942
Lackeit, RE
X, 1 (1917), Sp. 909ff s.v. Iulius (Agrippina)
W. Schuller, Frauen in der römischen
Geschichte, Konstanz 1987
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Ein Beitrag zur Stellung der Augusta im
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Online- Publikationen
http://www.lamp.ac.uk/~davidnoy/roman8.htm kompakte Zusammenfassung über Agrippina
http://library.advanced.org/11402/homebio.html kurze Biographie über Agrippina
http://www.salve.edu/~romanemp/nero.html
Information über Agrippina in einer Nero-Biographie
http://www.uky.edu/ArtsSciences/Classics/gender.html Diotima-Webseite;
Studien zur Geschlechterforschung in der Antike
http://www.cib.na.cnr.it/CampFlegrei/bacolimi/agrippina.html
Information
über die „tomba d’Agrippina“
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